Chartmuster prüfen: von Erfolgsquoten zur vollständigen Bilanz · 1 / 5
Die Trefferquote einer Chartformation anhand ihrer Grundgesamtheit prüfen
Eine Bullenflagge kann ihr eingezeichnetes Kursziel erreichen, nachdem ein Trade längst ausgestoppt wurde. Eine Statistik über spätere Zielberührungen beantwortet deshalb eine andere Frage als eine Statistik über erfolgreiche Trades. Prüfe vor jedem Vergleich, welche Fälle im Nenner stehen, welches Ereignis als Erfolg zählt und wann eine Position tatsächlich eröffnet und geschlossen worden wäre.
Athenum7 Min.Aktualisiert:
Vom beobachteten Muster zum ausgeführten Trade
Lege eine Kandidatenliste an, sobald die vorher festgelegten Erkennungsmerkmale erfüllt sind. Speichere Zeitpunkt, Instrument, Datenquelle und die damaligen Grenzen des Musters. Ein Kandidat ist noch kein Einstieg. Eine zusätzliche Regel kann beispielsweise einen bestätigten Ausbruch verlangen. Kandidaten, die diese Regel nicht erfüllen, bleiben nachvollziehbar in der Liste; sie werden nicht nachträglich zu Verlusttrades erklärt.
Für die tatsächlich eröffneten Positionen brauchst du eine zweite Ebene: ausführbarer Einstieg, Stop, Ziel, maximaler Beobachtungszeitraum und Kosten. Die Reihenfolge der Ereignisse ist entscheidend. Ein Kursziel nach dem Stop kann eine Eigenschaft des späteren Preisverlaufs sein, aber keinen Gewinn für die bereits geschlossene Position erzeugen. Wenn die Daten die Reihenfolge nicht zeigen, kennzeichne den Ausgang als unklar und prüfe die entsprechende Bandbreite.
Drei Quoten können gleichzeitig richtig sein
Der Anteil aller Kandidaten, der zunächst einen Einstieg und später eine Zielberührung liefert, die Zielberührungsquote unter den bestätigten Einstiegen und die Quote der Ziele vor dem Stop messen unterschiedliche Ereignisse. Keine davon darf ohne Definition einfach als Gewinnwahrscheinlichkeit bezeichnet werden. Eine bedingte Quote ist nicht grundsätzlich falsch: Wenn die Strategie nur bestätigte Ausbrüche handelt, ist ihre Einstiegsmenge ein sinnvoller Nenner. Problematisch wird es, wenn eine Veröffentlichung diese Auswahl verschweigt oder erst nach Kenntnis der Ergebnisse verändert.
Zähle außerdem nicht mehrere Bilder oder Zeitebenen desselben Trades als unabhängige Beobachtungen. Eine Kandidatenkennung und eine zugehörige Trade-Kennung machen Doppelzählungen sichtbar. Die Anzahl der Zeilen allein sagt noch nichts darüber aus, wie unabhängig die untersuchten Marktereignisse sind.
100 Kandidaten, 60 Einstiege und 24 Gewinne
In diesem frei erfundenen Beispiel werden 100 Kandidaten vor ihren Ergebnissen erfasst. Davon erfüllen 60 die festgelegte Einstiegsregel; 40 lösen keinen Trade aus. Von den 60 eröffneten Trades erreichen 24 ihr Ziel bei +2R vor dem Stop bei −1R. Die anderen 36 werden zuerst ausgestoppt. Zwölf dieser bereits beendeten Verlusttrades berühren das alte Ziel später trotzdem. Alle Ergebnisse und ihre Reihenfolge sind in diesem Beispiel vollständig bekannt. Für die Kennzahl 36 / 100 zählt ausdrücklich das gemeinsame Ereignis aus einem tatsächlich ausgelösten Einstieg und einer späteren Berührung seines Ziels. Ein nicht gehandelter Kandidat erfüllt dieses gemeinsame Ereignis nicht; über seinen sonstigen späteren Preisverlauf wird hier nichts behauptet.
R bezeichnet hier einen festen Geldbetrag des geplanten Preisrisikos vor Kosten. Jeder abgeschlossene Trade verursacht zusätzlich hypothetische Gesamtkosten von 0,1R. Die Nettosumme lautet daher 24 × 2R − 36 × 1R − 60 × 0,1R = 6R. Das entspricht 0,1R je tatsächlichem Einstieg oder 0,06R je ursprünglich erfasstem Kandidaten. Die nicht gehandelten Kandidaten tragen in dieser Rechnung weder Gewinn noch Verlust bei. Das Beispiel belegt keine reale Handelsstrategie.
| Kennzahl | Rechnung | Aussage |
|---|---|---|
| Spätere Zielberührung unter Einstiegen | 36 / 60 = 60 % | Enthält zwölf bereits ausgestoppte Trades |
| Ziel vor dem Stop unter Einstiegen | 24 / 60 = 40 % | Gewinne nach der festgelegten Ausstiegsregel |
| Kandidat mit Einstieg und späterer Zielberührung | 36 / 100 = 36 % | Gemeinsames Ereignis: Einstieg und spätere Zielberührung |
| Nettoergebnis aller Trades | 48R − 36R − 6R = 6R | Berücksichtigt alle angenommenen Handelskosten |
Diagramm vergrößern- 100 vorab erfasste Kandidaten
- 60 Einstiege; 40 Kandidaten ohne Trade
- 24 Ziele vor dem Stop; 36 Stops zuerst
- Zwölf gestoppte Trades erreichen das alte Ziel erst später
Eine hohe Zielquote ersetzt keine Handelsbilanz
Wer nur die 60-prozentige spätere Zielquote nennt, kann den Eindruck erwecken, die zugehörigen Trades hätten ebenso oft gewonnen. Hier liegt die tatsächliche Gewinnquote nach der festgelegten Regel bei 40 Prozent. Dass das Nettoergebnis trotzdem positiv ist, folgt aus den angenommenen Gewinn- und Verlustbeträgen. Umgekehrt kann auch eine hohe Gewinnquote bei größeren Verlusten und Kosten negativ ausfallen. Prüfe deshalb Ereignisdefinition, Nenner und Nettoergebnis gemeinsam, bevor du historische Musterzahlen auf ein anderes Instrument überträgst.
Vor der Entscheidung
- Kandidaten anhand einer vorab festgelegten Regel und eines Zeitstempels erfassen.
- Nicht gehandelten Kandidaten keine fiktiven Trade-Ergebnisse zuweisen.
- Zielberührungen vor und nach dem Stop unterscheiden.
- Für jede Quote Ereignis und Nenner ausdrücklich nennen.
- Alle tatsächlichen Versuche und Kosten in der Handelsbilanz behalten.
Prüfe dein Verständnis
Acht weitere bereits ausgestoppte Trades erreichen später das alte Ziel. Wie ändern sich die spätere Zielquote unter den Einstiegen, die Gewinnquote und das Nettoergebnis?
Lösung mit Erklärung anzeigen
Die spätere Zielquote steigt auf 44 / 60, also rund 73,33 Prozent. Die Gewinnquote der bereits abgeschlossenen Trades bleibt bei 24 / 60 = 40 Prozent und die Nettosumme bei 6R. Eine spätere Preisbewegung schreibt die vorherige Ausführung nicht um.