Chartmuster prüfen: von Erfolgsquoten zur vollständigen Bilanz · 2 / 5
Ein Flaggen-Kursziel mit eindeutigen Bezugspunkten berechnen
„Die halbe vorherige Bewegung“ ist keine vollständige Rechenregel. Gemeint sein kann die Hälfte eines Preisabstands oder die Hälfte einer prozentualen Veränderung. Wird das Ergebnis von einem neuen Ausgangspreis projiziert, entstehen unterschiedliche Kursziele. Für einen überprüfbaren Plan brauchst du deshalb Bezugspunkte, Einheit und Formel; die eingezeichnete Linie allein reicht nicht.
Athenum6 Min.Aktualisiert:
Preisabstand und Rendite verwenden unterschiedliche Einheiten
Ein Anstieg von 80 auf 120 beträgt absolut 40 Preiseinheiten und relativ 50 Prozent des Startpreises. Die Hälfte des absoluten Abstands beträgt 20 Preiseinheiten. Die Hälfte der prozentualen Veränderung beträgt 25 Prozent. Wer anschließend von einem anderen Preis aus weiterrechnet, darf diese Größen nicht austauschen. Eine Addition braucht eine Größe in Preiseinheiten; eine prozentuale Projektion multipliziert ihren neuen Bezugspreis mit einem Faktor.
Benennbare Regeln lassen sich testen, auch wenn sie zu verschiedenen Ergebnissen führen. Halte die gewählte Regel deshalb vor Kenntnis des Ausgangs fest. Ein nachträglicher Wechsel zu der Formel, deren Ziel im Chart besser passt, verändert die untersuchte Strategie. Eine logarithmische Chartdarstellung oder eine andere Zoomstufe darf die einmal festgelegte Rechenregel ebenfalls nicht stillschweigend ersetzen.
Das Projektionsziel ist noch kein ausführbarer Gewinn
Ein geometrischer Bezugspunkt kann vor dem tatsächlich möglichen Einstieg liegen. Das Verhältnis von möglichem Gewinn zu geplantem Verlust musst du deshalb vom ausführbaren Einstieg und dem zugehörigen Stop aus berechnen, nicht vom günstigsten historischen Tief. Berücksichtige anschließend Gebühren und adverse Ausführung. Falls der Ausstieg nicht zur angenommenen Größe oder zum angenommenen Preis möglich ist, verändert sich die Handelsbilanz zusätzlich.
Keine der beiden Projektionsformeln gibt eine Eintrittswahrscheinlichkeit an. Ein Kursziel ist eine unterstellte Ausstiegsmarke oder ein untersuchtes Preisereignis, keine garantierte Mindestbewegung. Um seine Qualität zu prüfen, brauchst du eine vorab definierte Stichprobe und eine vollständige Regel für Stop, Zeitablauf und Ausführung.
Dieselbe Vorbewegung ergibt 128 oder 135
Betrachte eine erfundene Vorbewegung von 80 auf 120 USDT und ein späteres Konsolidierungstief bei 108 USDT. Regel A addiert die Hälfte des absoluten Anstiegs zum Konsolidierungstief: 108 + (120 − 80) / 2 = 128 USDT. Regel B nimmt die Hälfte des ursprünglichen prozentualen Anstiegs und wendet sie auf 108 an: 108 × [1 + (120 / 80 − 1) / 2] = 135 USDT. Die Differenz von sieben USDT entsteht aus den verschiedenen Regeln, nicht aus einem Rundungsfehler.
Unterstelle nun einen tatsächlich möglichen Einstieg bei 112 und einen Stop bei 106 USDT in einem linearen Instrument. Das Preisrisiko beträgt sechs USDT je Einheit. Ziel A bietet vor Kosten 16 USDT Abstand und damit 16 / 6 ≈ 2,67R. Ziel B bietet 23 USDT Abstand und damit 23 / 6 ≈ 3,83R. Diese höheren oder niedrigeren Zielabstände sagen nichts darüber aus, wie oft der jeweilige Ausstieg vor dem Stop erreicht wird.
| Regel | Projektion ab 108 | Ziel | Abstand vom Einstieg 112 |
|---|---|---|---|
| Halber absoluter Anstieg | 108 + 20 | 128 | 16 |
| Halber prozentualer Anstieg | 108 × 1,25 | 135 | 23 |
Diagramm vergrößern- Preisrisiko bis Stop: 6 USDT
- Zielabstand: absolute Regel: 16 USDT
- Zielabstand: Prozentregel: 23 USDT
Den Ausgangspunkt nicht nach dem Ergebnis verschieben
Wenn das Konsolidierungstief erst später bestätigt wird, ist es nicht automatisch ein zum damaligen Zeitpunkt verfügbarer Signalwert. Dokumentiere zusätzlich zur Preisposition den Zeitpunkt ihrer Verfügbarkeit. Wird das Tief oder die Länge der Vorbewegung im Nachhinein verändert, entsteht ein anderes Ziel. Bewahre die zuerst verwendeten Werte auf und bewerte Änderungen als neue, später verfügbare Entscheidung.
Vor der Entscheidung
- Start, Ende und Verfügbarkeit der Vorbewegung festhalten.
- Absoluten Preisabstand und prozentuale Veränderung getrennt berechnen.
- Projektionsregel und neuen Ausgangspunkt vorab festlegen.
- Gewinn- und Verlustabstände vom ausführbaren Einstieg aus berechnen.
- Zielabstand, Erreichungswahrscheinlichkeit und Nettoergebnis getrennt prüfen.
Prüfe dein Verständnis
Die Vorbewegung bleibt 80 auf 120, aber der neue Projektionspunkt ist 100 statt 108. Welche Ziele liefern dieselben beiden Regeln?
Lösung mit Erklärung anzeigen
Die absolute Regel liefert 100 + 20 = 120. Die Prozentregel liefert 100 × 1,25 = 125. Nur der Projektionspunkt wurde geändert; die Regeln und die Vorbewegung sind gleich geblieben. Für ein neues Chance-Risiko-Verhältnis brauchst du außerdem den tatsächlich möglichen Einstieg und den zugehörigen Stop.